

Oralchirurgie ist Präzisionsarbeit, Handwerk und Spezialisierung auf hohem Niveau. Doch was braucht es, um darin wirklich gut zu werden? Und warum sind qualifizierte Weiterbildungsstellen so begehrt? Ansichten und Einsichten von Oralchirurg Göran Groß, Mitglied des zahnmedizinischen Medical Boards bei AllDent und Weiterbildungsermächtigter bei AllDent in Leipzig.

Göran Groß
Fachzahnarzt für Oralchirurgie, Gesamtleitung Chirurgie/Implantologie, Mitglied des AllDent Medical Boards - Bereich Implantologie/Chirurgie
Was lernen eigentlich Zahnmedizin-Studenten im Studium über Oralchirurgie?
Das ist von der jeweiligen Universität abhängig. Natürlich bekommen die Studenten in der Theorie alles über Anatomie, Technik von Eingriffen oder mögliche Komplikationen vermittelt. Phantomkurse und Simulationen sollen auf die Arbeit am Patienten vorbereiten. Im klinischen Studienabschnitt sollten sie sich mit örtlicher Betäubung, Hebeln und Zangen vertraut machen sowie eine Ahnung von Schnittführung und Nahttechniken bekommen.
Aber Oralchirurgie ist in ein Handwerk. Gutes Operieren kommt nur durch viel operieren. So kommt man zu Sicherheit, Routine und zügigem Arbeiten. Und das gelingt nur in der Zeit nach dem Studium, wenn man beginnt zu arbeiten.
Warum braucht es dann eine langjährige, komplizierte Weiterbildung? Man könnte es ja in der Praxis-Ausbildung belassen.
Das hängt davon ab, was ein Zahnarzt erreichen möchte. Wir bieten bei AllDent an, sich intern zum Experten für Implantologie fortzubilden. Das ist eine gezielte Erweiterung des persönlichen Behandlungsspektrums . Dieser Karrierepfad steht Kollegen offen, die schon gut operieren können und über ein breites Basiswissen im Bereich der zahnärztlichen Chirurgie verfügen Allerdings wird so ein Tätigkeitsschwerpunkt 60 bis 80 Prozent der täglichen Arbeit nie überschreiten. Dagegen macht man in der Weiterbildung zum Oralchirurgen Chirurgie in Vollzeit und in einer wesentlich höheren Intensität.
Allerdings kommt es auf die Ausbildungspraxis an. Führt man dort hauptsächlich einfache Extraktionen und Nahtentfernungen durch oder erlernt man tatsächlich komplexere Eingriffe? Im zweiten Fall könnte man dann bereits am Ende seiner Weiterbildungszeit mit einem breiten Portfolio an Operationen auf einem guten Level exakt und ohne Komplikationen behandeln.
AllDent hat durch Sie kürzlich die Weiterbildungsermächtigung für Oralchirurgie am Standort Leipzig erhalten. Nach welchen Kriterien haben Sie die Stelle des Weiterbildungsassistenten besetzt?
Wir haben bewusst jemanden gesucht, bei dem eine gewissen Grundempathie vorhanden ist. Nach unserem Social Media Post haben wir überraschend viele Bewerbungen aus der ganzen Bundesrepublik bekommen. Mir war wichtig, dass die Person sowohl über eine gute Selbsteinschätzung verfügt, als auch über einen hohen Anspruch an die eigene Arbeit.
Das reicht von der Planung eines Eingriffs über die Einhaltung der Sterilität bis hin zum Patienten- und Komplikationsmanagement. Ich denke auch, dass man mit Fehlern bewusst umgehen können muss, um sich selbst zu verbessern.
Warum sind Weiterbildungsstellen so selten?
Die Oralchirurgie ist neben der Kieferorthopädie eine ziemlich kleine Nische in der Zahnmedizin. Die Anzahl der Überweiserpraxen ist gering. Außerdem braucht es mehrere Jahre für die Weiterbildung. In Sachsen sind es vier. Ein Jahr absolviert man als Allgemeinzahnarzt, zwei Jahre mit oralchirurgischer Tätigkeit in einer Praxis. Beides, sprich drei von vier Weiterbildungsjahren, können wir bei uns im AllDent Zahnzentrum Leipzig abdecken.
Dann kommt das Nadelöhr - das Klinikjahr. Hier sind die Stellen rar und meist schlecht bezahlt. Wir konnten hier glücklicherweise eine Kooperation mit der Universitätsklinik Leipzig schließen. In einigen Bundesländern wurde das Klinikjahr durch ein rein theoretisches Curriculum ersetzt. Ich halte aber die breit gefächerten Erfahrungen im stationären Klinikbetrieb für eine sehr sinnvolle Sache.
Was braucht es aus Ihrer Sicht an Persönlichkeit, Kenntnissen und Fähigkeiten für die Oralchirurgie?
Motorische Fähigkeiten sind selbstverständlich die Grundlage. Darauf folgen Interesse für das Fachgebiet, Fleiß und Durchhaltevermögen. Lernkurven verlaufen tatsächlich oft unterschiedlich. Da habe ich mich als Ausbilder schon oft verschätzt. Für den Ausbilder wiederum ist die wichtigste Eigenschaft Geduld.
Dazu kommen der Wille und der Spaß, sein Wissen zu teilen. Es freut mich ungemein, wenn einer meiner Weiterbildungsassistenten Erfolg hat, beispielsweise zum ersten Mal eine OP mit vier retinierten Weisheitszähnen im Alleingang schafft. Es ist schön zu sehen, wenn sich jemand etwas zutraut und das dann in einer angemessenen Zeit bewältigt!
Worin liegt für Sie die Faszination in der Oralchirurgie?
Wir haben hier ein recht kleines Behandlungsspektrum mit einer hohen Spezialisierung. Eine umfangreiche Implantation kann dann fast zu einer meditativen Sache werden; zweieinhalb bis drei Stunden OP, sehr ruhig, vorab durchgeplant, auch wenn es hin und wieder akute Herausforderungen geben kann.
Gerade bei FDZ (Festen dritten Zähnen an einem Tag) kann man mit einem stabilen Team und einem tollen Therapiekonzept konzentriert und gelassen arbeiten. Es macht Freude, wenn man seine Fähigkeiten auf einem hohen Niveau ausleben kann.